Von Erkelenz nach Tscheboksary

 

Hallo, ich heiße Jan Mathis und war vom August 2013 bis Juni 2014  in Russland. In dieser Zeit lebte ich als Austauschschüler bei einer russischen Gastfamilie in Tscheboksary, einer Großstadt an der Wolga.

Was ich erlebt habe, erfahrt Ihr /erfahren Sie hier:

Kategorien: Alle Mathis

22. Mai 2016, 12:21

Letzer Blogeintrag: Neuer Blog unter amistadruschba.wordpress.com

Liebe Leserinnen und Leser,

ich bedanke mich ganz herzlich bei Ihnen, dass Sie meinen Blog so lange mitverfolgt haben. Ich hoffe es war interessant und hat Ihnen neue Einblicke in das Leben in Russland gewährt.
Ab dem 11. August 2016 fliege ich wieder mit meiner Austauschorganisation AFS ein Jahr ins Ausland. Diesmal werde ich einen Freiwilligendienst in Bolivien machen und hoffentlich auch viel Neues über eine mir noch unbekannte Kultur erfahren. Der Einfachheit halber habe ich mir aus diesem Grund einen neuen Bog angelegt, auf den Sie auch diesen Blog chronologisch geordnet und mit Bildern versehen vorfinden werden.
Mein Freiwilligendienst wird zwar zu 75% durch das Bundesentwicklungsministeriu​m gefördert, trotzdem muss ich einen Spendenkreis in Höhe von 2750€ aufbauen. Falls Sie Interesse daran haben, mich finanziell zu unterstützen oder generell Nachfragen zu Russland oder Bolivien haben, schreiben Sie mir am Besten über das Kontaktformular in meinem neuen Blog. Dann kann ich Ihnen noch genauere Informationen zu dem Freiwilligendienst geben und die Bankdaten durchgeben.
An dieser Stelle bedanke ich mich ganz herzlich bei Ihnen und wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen meines neuen Blogs.

Viele Grüße

Ihr Jan Mathis

Jan Mathis Eckert




09. Februar 2016, 19:41

Wiedersehen mit Russland II- Brot und Spiele (und Alkohol) (20.10.2015)

Am Mittwoch, den 27. Oktober, kam der Bruder meines Gastvaters nach Sochi zu Besuch. Beide hatten sich seit über fünf Jahren nicht mehr gesehen. Dementsprechend freudig war das Wiedersehen. Um die beiden Männer nicht zu stören, fuhren meine Gastmutter, mein Gastbruder und ich zu den – zumindest in Russland – bekannten 33 Wasserfällen. Wir fuhren mehr als zwei Stunden mit einer sehr gemischten Gruppe von Russen und besuchten zunächst wieder einen Imker, der seine Waren feilbot. Auch hier war die Vorführung bis auf das kleinste Detail durchgeplant. Zum Abschluss kaufte meine Gastmutter uns eine Art Honigbier, das leider abscheulich schmeckte. Es war relativ süß aber erinnerte im Geschmack kaum an Honig. Als alle fertig waren, ging es weiter mit unserer kleinen Reise. Auch diesmal – glaube es, wer es wolle – eine Verköstigung. Allerdings wurde kein Honig oder Honigbier angeboten, sondern richtiger kaukasischer Wein. Ich war leicht verwirrt, als das ganze Weinangebot in Plastikflaschen auf einem Tisch stand. Bald wurde uns jedoch erklärt, dass der Winzer in kluger Voraussicht den Wein so abgefüllt hatte, dass all seine Kunden ihn problemlos und ohne Angst vor dem Zerbrechen einer Glasflasche im Flugzeug mitnehmen konnten. Einfallsreich sind die Russen auf jeden Fall! Und mit was für einer schlichten Genialität das Einsparen von Kosten mit einem Vorteil für den Kunden verbunden wird, fand ich auch beeindruckend. Leider war der Wein dann doch nicht allzu gut – zumindest schien es mir so. Alle anderen schmeckte es mit jedem Schluck Wein immer besser, und so langten viele beim anschließenden Verkauf ordentlich zu. Als ich nach dem ersten Schluck aus meinem Plastikbecher (auch hier übertraf die Voraussicht des Winzers alles) bemerkt hatte, dass mir der Wein viel zu lieblich war, begann ich damit, von dem Wein nur noch einen kleinen Schluck zu trinken und den Rest in einen zweiten Plastikbecher zu kippen. Als ich einmal zu früh zu einem Schlückchen ansetzte, wurde ich sofort vom Winzer für meine angebliche Ungeduld gerügt. In Wirklichkeit wollte ich nur diese Verköstigung so schnell wie möglich hinter mich bringen. Da ich durch meine geschickte Zwei-Becher-Technik nur den Bruchteil von dem trank, was die meisten anderen tranken, bewahrte ich einen relativ klaren Kopf und konnte meine Gastmutter davon abbringen zehn Flaschen Wein zu kaufen. Nichtsdestotrotz musste ich danach eine große Plastiktüte voller Weinflaschen durch die Gegend schleppen.
Nach der Verköstigung fuhren wir weiter zu einem Festsaal, in dem wir den Abend verbringen wollten. Bereits jetzt, um ca. 15 Uhr, mussten wir vorbestellen, was wir am späteren Abend essen wollten. Nach einer halben Stunde Wartezeit ging es dann zur Hauptattraktion des Tages.
Ich war leicht überrascht, als wir nicht mit unserem Bus die Reise fortsetzten, sondern auf ausgediente Militär-LKWs umstiegen. Unser Fahrer fuhr mit einem atemberaubenden Tempo über die Schotterpiste, durch Bäche und kleinere Flüsse, und auf der Ladefläche wurden wir ordentlich durchgeschüttelt. Bereits aus meinem Urlaub in Island wusste ich, was es hieß, auf Schotterpisten zu fahren und zu furten. Allerdings sind wird dort wesentlich langsamer gefahren, und vor jeder Flussquerung musste man aussteigen, um die Wassertiefe und Strömung zu überprüfen. Jetzt blieb uns nur, den Fahrkünsten unseres Fahrers zu vertrauen. Zu allem Übel hatte mittlerweile auch noch ein leichter Nieselregen eingesetzt, der sich im weiteren Verlauf unserer Fahrt zu einem richtigen Unwetter entwickelte. Nach einer zwanzigminütigen Fahrt kamen wir endlich an. Ich war verblüfft, wie viele andere Militärfahrzeuge noch auf dem Parkplatz standen und wie viele Buden und Restaurants den Weg zu den Wasserfällen säumten. Kurz vor dem Eingang fing es dann an, wie aus Eimer zu schütten. Ich hatte kaum Zeit, über meine normale Jacke auch noch meine Regenjacke überzuziehen. In einem der zahlreichen Souvenirläden suchte ich, so schnell es ging, Schutz. Trotz des Unwetters wollte meine Gastmutter mit meinem Gastbruder noch die Wasserfälle besichtigen, obwohl mittlerweile überall Wasserfälle sich von den Dächern der Hütten in die Tiefe stürzten. Ich blieb im Laden zurück und tatsächlich war nach zehn Minuten der sintflutartige Regen vorüber. Zeitgleich kamen meine Gastmutter und mein Gastbruder pitschnass zurück. Vor ihrem Abenteuer hatten sie sich noch schnell mit Regenponchos eingedeckt, die auf einmal von allen möglichen Leuten angeboten wurden. Gesehen hatten beide auf jeden Fall nicht viel und auch die Wasserfälle seien nicht der Rede wert gewesen. So etwas Ähnliches hatte ich mir auch im Voraus gedacht, da ich im Sommer in Island schon viel majestätischere Wasserfälle zu Gesicht bekommen hatte. Obwohl es aufgehört hatte zu regnen, mussten wir unseren Rückweg zum Militär-LKW antreten, da wir nur eine Stunde Zeit hatten, um uns alles anzusehen.
Die Rückfahrt gestaltete sich um einiges schwieriger als unsere Hinfahrt, da nun alle Bäche durch den Regen über die Ufer getreten waren. Der Fahrer sah das jedoch anders und fuhr ungebremst durch alles durch, was ihm in die Quere kam. Schließlich kamen wir mit mulmigem Gefühl im Magen wieder im Dorf an.
In der Festhalle waren mittlerweile fast alle Plätze besetzt. Zum Glück fanden wir noch einen freien Tisch direkt vor der Bühne. Das Essen – wir hatten eine Suppe mit etwas vom Hammel bestellt – schmeckte einigermaßen, die Tanzkünste des Ensembles auf der Bühne waren jedoch exzellent. Den Abend leitete ein Familienoberhaupt aus dem Kaukasus, das, wie man mir sagte, fast 80 Jahre alt war, aber nicht älter aussah als Mitte fünfzig. Außerdem trank er während der gesamten Aufführungen fünf oder sechs Hörner Wein und blieb trotzdem vollkommen nüchtern. Ich wunderte mich, wie ein Mann, der vermutlich jeden Tag so viel Wein trinkt, mit 80 Jahren noch so jung wirken kann. Aber das nur nebenbei… Viel interessanter waren die Darbietungen der einzelnen Tänzerinnen und Tänzer. Besonders gelungen fand ich den Auftritt eines Messertänzers, der gleich ein ganzes Duzend Messer in den Mund nahm und sie dann so auf den Boden schleuderte, dass alle im Boden stecken blieben. Auch ein Trommelensemble beeindruckte mit einer Mischung aus Musik und Tanz.
Nach über zwei Stunden, in denen die Stimmung im Saal wegen des fließenden Weins immer besser wurde, war die Aufführung zu Ende. Auf der Rückfahrt nach Sochi war die Stimmung im Bus ausgelassen. Trotz des Verbots unserer Reiseleiterin trank ein Großteil der jüngeren Teilnehmer, die teilweise in den Flitterwochen waren, munter weiter. Kurz vor dem Stadtzentrum wurde unser Bus dann für eine gute Stunde aufgehalten, da alle Straßen für die Ankunft Putins gesperrt wurden. Viele Weinflaschen, die auf dem Tagesausflug gekauft worden waren, wurden während der Rückfahrt geleert. Allerdings muss ich dazu noch sagen, dass viele andere Teilnehmer dieses Kampftrinken mit zunehmender Missgunst beäugten und von der Reiseleiterin sogar forderten, diese „Alkoholiker“ vor die Tür zu setzen.
Spät abends kamen wir schließlich von einem erlebnisreichen Tag wieder zurück in unser Hotel. Mein Gastvater schlief friedlich auf der Couch, und von seiner Schwägerin erfuhren wir, dass beide nicht sonderlich viel getrunken hatten. Das beruhigte meine Gastmutter ungemein.

Jan Mathis Eckert




01. Februar 2016, 17:33

Wiedersehen mit Russland - Beginn einer zweiwöchigen Russlandreise (17.-19.10.2015)

Lange habe ich nicht mehr geschrieben. Das möchte ich an dieser Stelle nachholen. Zu meiner russischen Gastfamilie habe ich immer noch einen sehr guten Draht und wir skypen regelmäßig. Seit meiner Rückkehr aus Russland habe ich meine Gastfamilie bereits zweimal gesehen. Im August 2014 hat meine Gastfamilie eine Europa-Reise gemacht. Zusammen mit meinen Eltern habe ich sie dann für einen Tag in Amsterdam getroffen. Im Oktober 2015 bin ich dann wieder zurück nach Russland geflogen. Und zwar ins wunderschöne Sochi. Die Stadt wurde sehr bekannt für die Olympischen Winterspiele 2014 in Russland, die ich damals selbst gebannt mitverfolgt habe.
Sochi selbst erstreckt sich auf über 140 km entlang der Schwarzmeerküste, der russischen Riviera. Selbst im Oktober hatten wir noch sommerliche Temperaturen von über 25°C und einer Wassertemperatur von ca. 20°C. Aber zunächst möchte ich alles ganz von Anfang an erzählen.
Bereits bei meiner Abreise aus Russland hatte ich mit meiner Gastfamilie abgemacht, dass ich ein Jahr später in den Herbstferien zurückkommen würde. Anfangs hatte meine Gastfamilie mich auf die Krim eingeladen. Aber aufgrund der aktuellen politischen Situation und der teuren Hotels etc. entschied man sich, doch lieber nach Sochi zu fahren. Noch in Russland war ich neidisch auf diejenigen Austauschschüler aus den Regionen Moskau, Petersburg und Krasnodar, die die Möglichkeit hatten nach Sochi zu fahren. Aber egal. Ich hatte dafür ja mein unvergessliches Camp in Westsibirien. Insofern ging also schon ein Traum für mich in Erfüllung, als meine Gastfamilie mich in diese Stadt einlud. Nach den Sommerferien ging alles relativ schnell. Ich bekam die Einladung, die für das Visum notwendig war, aus Russland von meiner Gastfamilie zugesandt. Ich füllte den Visumsantrag auf der Seite des Russischen Konsulats aus und mein Vater brachte alle Unterlagen nach Bonn. Zwei Wochen später lag Post im Briefkasten und ich hatte endlich mein Visum.
Der Tag der Abreise rückte näher, und schließlich saß ich am 4. Oktober im Flugzeug nach Moskau. Meine Russischkenntnisse waren leicht eingerostet. Trotzdem gewöhnte ich mich innerhalb der ersten paar Tage schnell wieder ans Sprechen. Der Empfang durch meine Gastfamilie am Moskauer Flughafen Domodedowo war sehr herzlich. Ich habe mich riesig gefreut, meine Gastfamilie nach über einem Jahr endlich wiederzusehen. Nach mehreren Stunden Wartezeit, in denen wir uns über Gott und die Welt unterhielten, gingen wir an Bord unserer Boeing 747, die uns nach Sochi bringen sollte. Die Fluggesellschaft – Transaero – hatte einige Wochen zuvor die Insolvenz anmelden müssen und würde alle Flüge bis zum 15. Oktober einstellen. Deshalb waren wir heilfroh, dass sich unsere Flüge noch in diesem Zeitfenster befanden. In der Maschine war ich echt erstaunt, wie viele freie Plätze es noch gab. Der Flieger nach Moskau war komplett ausgebucht gewesen und hier gab es freien Platz im Überfluss. Dementsprechend suchte ich mir einen Platz am Fenster aus, da ich Moskau beim Abflug noch von oben sehen wollte. Leider verzögerte sich dann unser Abflug beinahe um eine Stunde, weshalb es schon zu dunkel war, um noch etwas zu sehen. Auch in Sochi war es schon dunkel, als wir dort landeten. Trotzdem fielen mir sofort die angenehm warme Luft und die vielen Palmen auf, die überall standen.
Am nächsten Morgen fuhren wir in die Altstadt von Sochi, die ungefähr eine Dreiviertelstunde mit dem Bus von unserem Hotel entfernt lag. Unser Hotel lag direkt im Stadtteil Adler, in dem auch die Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele stattfand. Im Stadtzentrum gingen wir zunächst in das bekannte Dendrarium, einen botanischen Garten, der alle erdenklichen Pflanzenarten beherbergte. Den Abend verbrachten wir am Strand und auf dem Basar von Adler.
Der Dienstag war schon wesentlich erlebnisreicher. Zusammen mit einer Gruppe Touristen fuhren wir zum naheliegenden Wintersportzentrum Krasnaja Poljana. Allein der Ort erinnerte sehr an ein Dorf irgendwo in den Alpen. Die Bilder sind vielleicht noch bekannt von den Olympischen Winterspielen. Einige Häuser waren im Fachwerkstil erbaut, andere wiederum klassizistisch. Mit der Gondelbahn ging es dann zunächst auf rund 1000 Meter ins Olympische Dorf (dort hingen sogar noch die Flaggen der einzelnen Länder an den Fenstern) und dann weiter auf ca. 2500 Meter zum Gipfel. Erstaunlicherweise war ausnahmslos jeder Berg fast bis zum Gipfel bewaldet. Man erkannte auch sehr gut, dass im Tal noch Sommer war, obwohl an den Hängen die Blätter der Laubbäume schon herbstlich gefärbt waren. Am selben Tag fuhren wir noch zu einem Imker, der uns verköstigte mit sämtlichen Honigsorten. Mich beeindruckte sehr, wie penibel die ganze Show durchgeplant und durchstrukturiert war. Jedes Wort war auswendig gelernt und jede Handbewegung saß. Jeder Zuschauer bekam einen Löffel in die Hand gedrückt und bekam dann vom Imker (bzw. Verkäufer) einen Schlag Honig. Besonders interessant war es zu hören, wogegen Honig angeblich helfen würde. Besonders dem Gelee Royal wurden beinahe magische Heilkräfte zugesprochen. Ich beschwerte mich nicht, durfte ich doch jeden Honig probieren. Auch einigen andere Besucher lauschten den Ausführungen des Vertret… ich meine Verkäufers nur mit mäßigem Interesse. Zum Mittagessen hatte ich mir ein typisches kaukasisches Gericht bestellt: Rinderzunge mit Schmand. Obwohl die Zunge geschmacklich recht ansprechend war, musste ich mich etwas überwinden, da sie komplett erkaltet in einer kleinen Schüssel serviert wurde. Demnächst sollte ich vielleicht doch typisch russischen Borschtsch nehmen.
Nach einem wunderschönen, aber doch leicht anstrengendem Tag war ich erleichtert, abends noch ein paar Runden im Pool zu drehen und dann schlafen zu gehen.

Jan Mathis Eckert




20. Oktober 2014, 20:15

Abreise aus Russland

In den verbliebenen Wochen vor meiner Abreise las ich ziemlich viel oder traf mich mit Schülern aus der 30. Schule. Irgendwie fand ich die netter, als die Schüler von meiner Schule.
Am Wochenende vor meiner Abreise fuhr ich mit meinem Gastvater auf einem Ausflugsdampfer die Wolga aufwärts. Nach einer vierstündigen Fahrt, während der wir die ganze Zeit beim Kapitän sitzen durften, kamen wir an einem alten, heruntergekommenen Schloss an. Meine Gastmutter, die in früheren Jahren jedes Wochenende als Fremdenführerin gearbeitet und Gäste durch dieses Schloss geführt hat, meinte zu mir, dass das Schloss nicht so toll sei. Das Wichtigste, so sie, sei es einfach, einmal mit einem Schiff über die Wolga gefahren zu sein. Im Schloss gab es leider nicht sehr viel zu sehen. Zu Sowjetzeiten wurde es anfangs als Gefängnis genutzt und stand danach lange Zeit leer. Viele Räume waren komplett verfallen und die ehemals kunstvoll verzierten Wände waren nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Während der Rückfahrt bewunderte ich einmal mehr die Wolga, wie sie so breit sein konnte. An einer Stelle, die wir durchfuhren, war sie sogar über 10 km breit! So einen gigantischen Fluss hatte ich echt nie zuvor in meinem Leben gesehen.
Am 25. Juni war die Abschlussveranstaltung von AFS. Meine Gastmutter und ich waren vorher schon ziemlich früh da. Ich spielte und sang vorher noch einmal meine Lieder durch, weil ich doch ziemlich aufgeregt war. Um sechs Uhr ging die Veranstaltung los. Meine Mutter eröffnete den Abend und lud uns einzeln auf die Bühne. Dort sangen wir zuerst die „Hymne“ von AFS. Anschließend rief ich Ada Petrowna, die Chefin von AFS, auf die Bühne, die dann ziemlich lange darüber redete, wie toll dieses Jahr ja gewesen sei. Außerdem meinte sie, dass alle AFS-Austauschschüler, die ihr Jahr in Cheboksary verbracht hatten, Russisch perfekt gelernt hätten, was ich bezweifelte. Shota (Japan) und Anna (Thailand) zum Beispiel verständigten sich auch noch nach zehn Monaten hauptsächlich auf Englisch. Danach wurden den Gastfamilien Geschenke von AFS überreicht (Decke aus der USSR (USSR=Ukrainische SSR)) und noch Dankesworte von einem Gastvater gesprochen. Im zweiten Teil der Abschlussveranstaltungen gab es eine sogenannte Talentshow. Alle Austauschschüler sollten etwas vorführen, was sie konnten. Hauptsächlich stand ich jedoch auf der Bühne. Zuerst sangen wir alle zusammen ein Lied über die Schulzeit in Russland. Danach tanzten Felizitas und Elena irgendeinen Tanz auf der Bühne, bevor ich meinen Auftritt hatte. Zuerst sang ich ein Lied von der russischen Seele und meinem Aufenthalt in Russland, dass meine Gastmutter selbst gedichtet hatte. Danach spielte ich auf der Geige die Vocalise von Rachmaninoff. Alle Zuschauer waren von beiden Stücken ziemlich gerührt.
Am nächsten Tag hieß es Abschied nehmen. Ich hatte meine Sachen schon vorher gepackt und einen großen Teil schon mit der Post zurück nach Deutschland geschickt, da ich kein Übergepäck bezahlen wollte. Am Abend fuhren wir zum Bahnhof. Ich verabschiedete mich von meinem Gastbruder und meinem Gastvater mit dem Versprechen, im Herbst 2015 wiederzukommen. Meine Gastmutter begleitete uns noch mit dem Zug bis nach Moskau.
Als wir am nächsten Tag in Moskau ankamen, brachten wir zunächst unsere Sachen ins Hotel. Dann fuhren meine Gastmutter und ich mit der Metro in den Süden der Stadt und besuchten dort die Cousine meine Gastmutter. Ich war echt begeistert von der Datscha, die sie hatten. Wir tranken Tee aus einem echten Samowar, der noch mit Holz erhitzt wurde. So hatte ich am Ende meines Russlandaufenthaltes doch noch einmal die Gelegenheit echten russischen Tee aus einem echten Samowar zu trinken.
Am nächsten Tag mussten wir ziemlich früh aufstehen, da unser Flug schon um 13 Uhr ging. Wir verabschiedeten uns von den anderen AFSern, die mit uns ihr Jahr in Russland verbracht hatten. Dann fuhren wir quer durch Moskau zum Flughafen Domodedowo. Vor der Passkontrolle verabschiedete ich mich mit Tränen in den Augen von meiner Gastmutter, die ihre auch nicht mehr zurückhalten konnte. Dann ging sie schnell weg, um den Abschied nicht zu verzögern.
Probleme, wie bei der Einreise, hatte ich jetzt überhaupt keine mehr mit der Geige. Ich konnte ja jetzt fließend Russisch und mich dementsprechend gut mit dem Zollbeamten verständigen. In Moskau auf dem Flughafen wurde ich auch zum ersten Mal von einem „Nacktscanner“ durchleuchtet. Das ist wirklich viel praktischer und schneller als das Untersuchen mit einem gewöhnlichen Metalldetektor.
Schon bald saßen wir im Flugzeug nach Frankfurt. Als ich dort angekommen war, holte ich mein vorbestelltes ICE-Ticket am Automaten ab und konnte nach den russischen Zügen wieder deutschen Komfort genießen. Dafür waren die Leute aber auch nicht so offen wie die Russen. Am Hauptbahnhof in Düsseldorf wurde ich von meiner Familie wieder in die Arme geschlossen, die ich fast ein ganzes Jahr nicht gesehen habe.
Damit endete das wohl erfahrungsreichste und beste Jahr meines bisherigen Lebens in Russland, dessen Auswirkungen mich mein Leben lang beeinflussen werden.

Jan Mathis Eckert




20. Oktober 2014, 20:14

Russisches Abitur

Die restliche Zeit meines Austauschs verbrachte ich mit Bücherlesen und Vorbereitungen auf die Abschiedsveranstaltung von AFS. Meine Gastmutter und ich entwarfen gemeinsam das Programm. Ich sollte unter anderem durch den Abend führen, Geige spielen, singen und noch einiges mehr.
Auch in den Ferien arbeitete meine Gastmutter immer noch täglich bis halb drei in der Schule. An einigen Tagen kam ich auch mit, da wir dann besser für die Abschlussveranstaltung üben konnten.
Bis jetzt habe ich in meinem Blog auch nicht erwähnt, dass ich mich die letzten viereinhalb Monate meines Austausches auf das russische Abitur vorbereitet habe. Irgendwann im März kam meine Gastmutter mit einem Aufgabenbogen des russischen Staatsexamens (JeGE) zu mir und meinte, dass ich die Fragen einfach mal beantworten solle. Zur Verwunderung aller hatte ich im Multiple-Choice-Teil 20/​30 Fragen richtig. Also schlug mir meine Mutter scherzhafterweise vor, das russische Abitur im Fach Russisch zu machen. Ich dachte etwas über die ganze Angelegenheit nach und schon bald entschied mich dazu, es wirklich einmal zu versuchen. Von da an gab mir meine Gastmutter regelmäßig Probevarianten und ich löste je eine Variante am Tag. Das größte Problem, welches ich noch hatte, war das Aufsatzschreiben. Die Ankreuzfragen konnte ich relativ gut lösen und schon nach einiger Zeit zeigten sich sichtbare Erfolge bei mir. Das Schreiben von Texten übte ich mit meiner Gastmutter auch, aber irgendwann hatte ich auch hier den Dreh raus.
Kurz bevor ich in den Süden Russlands fuhr, hatte ich mein erstes richtiges Probeexamen unter Realbedingungen in der Schule. Ich war vorher ziemlich aufgeregt, da ich Angst hatte, eine schwierige Variante zu bekommen. Letztendlich bekam ich aber „nur“ eine mittelschwere, die mir nicht sonderlich viele Probleme bereiteten. Während einige meiner Klassenkameraden zwischendurch aus der Klasse gingen und auf dem Handy nachschauten, welche die richtige Antwort auf eine Frage war, hielt ich mich streng an die Regeln.
Nach der Astrachan-Fahrt bekam ich meine Ergebnisse mitgeteilt: ich hatte im Probeexamen 76 aus 100 Punkten und war damit im Klassendurchschnitt schon ziemlich weit oben. Bis zu der wirklichen Abiturprüfung Ende Mai hatte ich noch einen Monat Zeit, den ich auch mit Üben verbrachte. Da man für das russische Abitur auch einige Beispiele aus der Literatur einbringen musste, las ich in der verbliebenen Zeit Werke von mehr oder weniger bekannten russischen Schriftstellern. Eines der größten Textthemen im JeGE ist immer noch der zweite Weltkrieg, bzw. der „Große Vaterländische Krieg“, wie er hier bezeichnet wird. Ich fand es teilweise ziemlich unangenehm, da mir die ganzen Kriegsverbrechen der Nazis noch einmal detailliert vor Augen geführt wurden und ich auch vier Bücher zu diesem Thema las. Ein großer Teil der neueren russischen Literatur ist wirklich über das Schicksal von Menschen im zweiten Weltkrieg.
Schließlich kam der große Tag, an dem sich zeige sollte, ob sich die ganze Mühe wirklich gelohnt hatte. Die Nächte davor hatte ich kaum ein Auge zugetan, da ich alles, was ich konnte, im Kopf noch einmal durchging. Um acht Uhr trafen sich alle in der Schule. Dort mussten wir uns dann unsere Dokumente abholen, um zu zeigen, dass wir wirklich berechtigt sind, am JeGE teilzunehmen. Um neun Uhr gingen wir schließlich los zu einer Schule, in der sich alle Elftklässler aus einem Stadtviertel trafen um das Examen zu schreiben. Die Schule war videoüberwacht und hatte in jedem Raum zwei Kameras, um Schummler zu überführen. Am Eingang mussten wir unsere Pässe vorzeigen und wurden von einem Metalldetektor nach Smartphones und anderen elektronischen Geräten abgesucht wurden. Jedem wurden dann schließlich ein Sitzplatz und ein Klassenzimmer zugeteilt. Um Punkt zehn Uhr bekamen wir dann unsere Bögen. Zunächst mussten wir unsere persönlichen Daten in die Kästchen eintragen. Erst dann fing die eigentliche Arbeit an. Schon beim ersten Durchschauen der Blätter hatte ich das Gefühl, dass ich eine der schwierigsten Varianten bekommen hatte. Dieses Gefühl bestätigte sich dann auch beim Lösen der Aufgaben. Mit einem mulmigen Gefühl verließ ich schließlich nach dreieinhalb Stunden die Schule.
Erst nach meiner Petersburg-Fahrt bekam ich die Resultate. Am 13. Juni rief meine Gastmutter ganz aufgeregt auf meinem Handy an und sagte mir, dass die Resultate da wären. Sie spannte mich noch einige Sekunden auf die Folter, in denen ich fast verrückt wurde vor Aufregung. Dann sagte meine Gastmutter mir, dass ich 87 von 100 Punkten bekommen hätte, dass ich der drittbeste in der Klasse wäre und dass ich den besten Aufsatz in der Schule geschrieben hätte. Davon war ich anfangs erst einmal ziemlich baff, da ich mit so einem guten Ergebnis überhaupt nicht gerechnet hatte. Erst mit der Zeit realisierte ich, was ich vollbracht hatte. Ich war der erste Austauschschüler von AFS Russland, der es geschafft hatte mit der Note fünf (beste Note in Russland) das russische Staatsexamen zu bestehen. Schon vorher hatte ein Schüler der 41. Schule das JeGE im Fach Russisch bestanden, jedoch „nur“ mit 61 von 100 Punkten.
In den nächsten Tagen bekamen ich und meine Gastmutter viele Glückwünsche. So sagte man meiner Gastmutter z.​B.​, dass sie eine sehr gute Lehrerin wäre, da sie selbst einem Ausländer, der vor seinem Jahr in Russland kaum ein Wort russisch gesprochen hat, so gut die Sprache beigebracht hatte, dass er selbst das russische Abitur mit Bravour bestanden hat.

Jan Mathis Eckert




20. Oktober 2014, 20:13

Fahrt über die Kanäle und Abfahrt aus Sankt Petersburg

Am vorletzten Tag in Sankt Petersburg fuhren wir zum Jekaterinenpalast. Nach einer einstündigen Fahrt mit dem Bus kamen wir dort an und wurden sofort von einer Blaskapelle begrüßt, die das russische Volkslied „Kalinka“ spielte. Nach einer Stunde Wartezeit fing die nächste Führung durch die Schlossanlage an. Wir bekamen alle Kopfhörer und der Fremdenführer erzählte in sein Mikrofon, während wir alles über unsere Kopfhörer hörten. Bei der Anzahl an Besuchern war das auch erforderlich, da wir sonst nichts verstanden hätten. Besonders beeindruckend war der große Spiegelsaal auf der zweiten Etage. Ein über hundert Meter langer Flur führte uns durch die verschiedenen Gemächer. Außerdem sahen wir das Bernsteinzimmer, welches mittlerweile fast vollkommen renoviert war. Leider hatten wir auch hier nur etwa zwei Stunden Zeit, bevor wir wieder zurück nach Sankt Petersburg fuhren. Am Abend machten wir noch eine Bootstour durch die Kanäle der Stadt, was ein wirklich gelungener Abschluss unserer Fahrt nach Sankt Petersburg war.
Am nächsten Morgen wurden wir alle zum Bahnhof gefahren, von wo aus wir mit dem Nachtzug wieder zurück in unsere Städte fuhren.

Jan Mathis Eckert




19. Juni 2014, 21:16

Peterhof und Heremitage

Einige Austauschschüler waren auch am nächsten Morgen noch nicht nüchtern und mussten in der Jugendherberge bleiben. Einer Amerikanerin ging es gar so schlecht, dass sie fast ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.
Die anderen fuhren um neun Uhr mit dem Bus nach Peterhof los. Wir fuhren etwas mehr eine Stunde. Das Wetter war auch an diesem Tag nicht sonderlich gut und Sonne verbarg sich hinter Wolken. Als wir dann ankamen war ich dann doch überwältigt von dem ganzen Prunk und Gold der Türmchen auf dem Dach des Schlosses. Am Tor wartete schon unsere Fremdenführerin auf uns und brachte uns gerade rechtzeitig zum Anschalten der Fontänen in den Schlosspark. Unter Musik wuchsen dann die Fontänen nach und nach empor.
Anschließend gingen wir durch den Park und sahen dabei auch die Scherzfontäne. Aus der Ferne sah dieser Brunnen wie ein Baum aus. Wenn man aber näher heran kam, spritzte aus den Ästen Wasser. Alle Springbrunnen (es gibt über 150) werden übrigens alle ohne Pumpen betrieben, da schon Peter der Große meinte, dass die Technik ja nur kaputt gehen könnte. Etwa 20 km außerhalb von Peterhof gibt es einen Hügel mit einer Quelle. Durch Rohre wird das Wasser dann nach Peterhof geleitet und allein mithilfe der Schwerkraft funktionieren die Fontänen.
Wir besichtigten noch einige Paläste, die direkt am Ufer der Ostsee standen. Um kurz nach zwölf gingen wir durch die riesige Parkanlage in den Ort in der Nähe von Peterhof. Dort aßen wir zu Mittag und fuhren anschließend mit dem Bus zurück nach Petersburg. Nach etwas mehr als einer Stunde kamen wir dort an. Zunächst gingen wir in einen Souvenirshop in dem es auch alle möglichen Matrjoschkas gab. So z.​B. eine Matrjoschka mit Angela Merkel, Barack Obama, Wladimir Putin und sogar mit den Angry Birds. Nachdem wir uns dort eine Weile umgeschaut hatten gingen wir weiter. Der nächste Programmpunkt auf der Liste war die Besichtigung der Heremitage, einem der größten Kunstmuseen der Welt. Zur Besichtigung aller Exponate (es gibt ca. 3 Millionen), so sagte man mir, bräuchte man mehrere Jahre. Wir besichtigten nur den Hauptkomplex, der sich im Winterpalast befand. Zum Glück bekamen wir am Eingang eine Karte mit dem Museum, sonst hätte ich mich fast verlaufen in dem riesigen Gebäude. Obwohl die Ausstellung sich über ein riesiges Areal erstreckte, war es in vielen ehemaligen Gemächern des Zaren ziemlich voll. Der Großteil der Besucher waren deutsche Rentnerinnen und Rentner und da ich auf jeden Schritt und Tritt deutsch hörte, dachte ich fast ich wäre schon in Deutschland. Es war schon ziemlich komisch für mich die ganze Zeit meine Muttersprache zu hören, da ich ja in den letzten Monaten mich ausschließlich auf Russisch unterhalten habe. Es war aber auch von Vorteil sich den Gruppen anzuschließen und von den Fremdenführern etwas über die Kunstwerke zu erfahren.
Leider mussten wir schon nach zwei Stunden wieder draußen sein, da dass Museum um achtzehn Uhr schloss. Ich hätte dort noch eigentlich die ganze Nacht bleiben können, da es echt ziemlich viel zu sehen gab.

Jan Mathis Eckert




13. Juni 2014, 19:10

Erster Tag in Piter

Da die Küche in der Jugendherberge, in der wir schliefen, ziemlich klein war, konnten wir nur nacheinander frühstücken. Wir aus Cheboksary waren die erste Gruppe und wurden dementsprechend früh um sieben Uhr geweckt. Dafür hatten wir auch ziemlich viel Zeit um uns zu waschen, während die anderen sich alle ziemlich beeilen mussten. Um neun Uhr fuhren wir dann mit dem Bus ins Stadtzentrum und besuchten das Russische Museum. Um besonders günstig ins Museum reinzukommen sollten wir uns als russische Schüler ausgeben, was allerdings ziemlich schwer war, da viele russisch noch ziemlich schlecht sprachen. Irgendwie kamen wir dann doch rein. Im Museum gab es moderne Kunst, die mich allerdings nicht so richtig ansprach. Nach etwa zwei Stunden gingen wir wieder raus und spazierten den Rest des Tages durch Sankt Petersburg.
Leider wollten die meisten von uns während der Zeit in Petersburg nur saufen und ich war ausgerechnet in einer Gruppe gelandet, die nur saufen wollte. Schon um ein Uhr tranken sie ihr erstes Gläschen Wodka. Ich war dabei der einzige, der nichts trank. So in etwa ging es dann den ganzen Tag. Am Abend hatten sie sich auch noch mehrere Flaschen Wodka gekauft und ich musste als einziger nüchterner die mittlerweile ziemlich besoffene Gruppe ins Hostel bringen, da sie alle die Orientierung verloren hatten und nur noch Unsinn redeten. Um 23 Uhr kamen wir schließlich an und anstatt sich sofort ins Bett zu legen, ging meine Gruppe mit anderen AFSern sofort wieder raus um im naheliegenden Park weiter zu saufen. So viel dazu, dass nur Russen viel trinken… Die Betreuer schliefen mittlerweile und bekamen von alldem nichts mehr mit. Ich war vom ganzen Tag ziemlich müde und legte mich, nachdem ich mich geduscht hatte, sofort schlafen. Um 3:​30 Uhr morgens schaltete jemand das Licht an und herein kamen die total besoffenen Austauschschüler, die extrem laut Unsinn redeten. Nach einer gefühlten Ewigkeit legten sich dann endlich alle schlafen.

Jan Mathis Eckert




07. Juni 2014, 21:30

Auf geht's nach Sankt Petersburg

Am 31. Mai ging es für mich und die anderen AFS-Austauschschüler aus Cheboksary (abgesehen vom Japaner Shota) auf nach Sankt Petersburg. Meine Sachen hatte ich am Vortag und am Morgen gepackt. Um kurz nach zwölf trafen wir uns am Busbahnhof in Cheboksary und fuhren mit meiner Geschichtslehrerin, die uns begleiten sollte, in der Marschrutka nach Kanasch. Kanasch ist eine Kleinstadt in der Mitte von Tschuwaschien, wo sich ein wichtiger Bahnhof befindet. Dort warteten wir etwa eine Stunde auf den Zug in der Wartehalle. Im Zug wechselte ich dann mit einer Thailänderin, die aus Kasan nach St. Petersburg fuhr, die Plätze, da sie allein mit einem älteren Mann im Abteil schlafen sollte, ihr das aber nicht sonderlich gefiel. Also tauschten wir die Plätze und ich fuhr zum ersten Mal in Russland eine Nacht im Abteil, was echt angenehm und auch viel ruhiger war als im Großraumabteil mit sechzig anderen Leuten in einem Waggon.
In Sankt Petersburg kamen wir um kurz vor zwölf Uhr mittags an. Am Bahnhof erwartete mich die Tochter von Freunden meiner Gastfamilie, die in Petersburg studierte und der ich ein Paket überbringen sollte. Wir unterhielten uns etwas über meine Abenteuer in Russland. Dann wurden wir Austauschschüler abgeholt und gingen zum Mittagessen in ein nahegelegenes Café, wo wir auch die anderen AFSer trafen. Insgesamt waren wir 42 Ausländer, von denen ein Großteil Italiener waren. Nach dem Mittagessen machten wir noch eine Rundtour mit dem Bus durch die wunderschöne Altstadt von Piter (das ist der Kosename von Sankt Petersburg auf Russisch) und sahen uns mehrere Schlösser an. Besonders schön war die Isaak-Kathedrale, die wichtigste Kirche der Stadt, auf deren Turm wir auch stiegen, um uns die Stadt von oben anzusehen. Leider spielte an diesem Tag das Wetter nicht mit. Während die Temperatur in Cheboksary bei 30°C lag, war es mit 15°C in Petersburg ziemlich kalt. Zum Glück hatte ich meine Jacke und lange Hosen mitgenommen.
Am späten Nachmittag fuhren wir auch noch am Schlachtschiff „Aurora“ vorbei, von der 1917 die Revolution ausgegangen war.
Bis in den späten Abend schien die Sonne, was echt seltsam war. Wir hatten Glück und hatten gerade den Zeitraum erwischt, in dem in Petersburg die „Weißen Nächte“ sind. D.​h.​, dass es überhaupt nicht oder kaum dunkel wird.

Jan Mathis Eckert




07. Juni 2014, 18:56

Letzter Schultag

Am 22. Mai in der letzten Schulwoche fand traditionell das „Letzte Läuten“ statt. An diesem Feiertag ist der offizielle Abschied der Elftklässler, die dabei ein festliches Programm ausgearbeitet hatten. Ich sollte gemeinsam mit den anderen Elftklässlern auf die Bühne und am Ende auch etwas auf der Geige spielen. Morgens hatte ich mich ziemlich schick angezogen und trotz der vorausgesagten 30°C im Schatten ein langärmliges Hemd an. In der Schule hängte ich mich noch ein rotes Band über die Schulter. Dann versammelten wir uns vor der Schule, es wurden Abschiedsfotos gemacht und dann gingen wir in die Aula. Diese hatte die elfte Klasse im Voraus mit Ballons und Bildern geschmückt. Nachdem wir paarweise auf die Bühne gegangen waren, sangen wir die Hymne der Russischen Föderation und der Tschuwaschischen Republik. Anschließend hielten mehrere Würdenträger der Stadt Reden und wünschten uns allen viel Glück im weiteren Leben. Währenddessen standen wir immer noch auf der Bühne, was bei über 30°C in der Aula nicht gerade sehr angenehm war. Schließlich durfte ich von der Bühne herunter, als die Tanzaufführungen der Elftklässler anfingen. Insgesamt dauerte dieses Fest fast zwei Stunden, in denen wir immer schön gerade stehen mussten. Fast am Ende der Aufführung kam ich schließlich auf die Bühne. Ich bedankte mich bei den Lehrern für das Schuljahr und die tollen Unterrichtsstunden und fing an die Vocalise von Rachmaninow zu spielen. Alles in allem klappte es gut und ich bekam viel Applaus und nach der Aufführung auch noch ein paar Danksagungen.
Am Nachmittag fuhr ich zusammen mit meiner Gastmutter zum Grillen mit ihrer alten Klasse aus der 30. Schule, die auch in der elften Klasse waren. Abgesehen davon, wo wir uns trafen (nebenan befand sich eine Paintball-Anlage), war es echt nett mit anderen Schülern, die nicht aus meiner Schule waren zu reden. So spielten wir auch noch Mafia (in Deutschland besser bekannt als Werwolf oder Mord in Palermo), wobei die Charaktere etwas anders waren als in Deutschland. So gab es zum Beispiel eine Prostituierte, die jemanden nachts „anfasste“, der dann am nächsten Morgen nichts sagen durfte.
Nach dem wir alle gegessen hatten, fuhren wir abends wieder nach Hause.

Jan Mathis Eckert



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